Das kastrierte Interview

Lese­zeit: 4 Minu­ten

Warum für tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche Kul­tur­for­schung Online-Inter­views die zweite Wahl sind.

Schon an der Art und Weise, wie Anto­nio den Raum betritt und sei­nen Dutt rich­tet, wird deut­lich, was er von der Welt, den Men­schen und dem Inter­view hält. Nach­dem er mir zwei­ein­halb Stun­den aus­führ­lich die „wah­ren Zusam­men­hänge“ der Flücht­lings­krise erklärt und seine Hal­tung zur Rolle der Medien kund­ge­tan hat, bin ich nicht nur froh über das Ende des Inter­views – Anto­nio hin­ter­lässt bei mir auch einen star­ken, leben­di­gen, schlüs­si­gen und bei­nahe kör­per­lich spür­ba­ren Ein­druck, der mir (und den Kun­den) noch län­ger nach­geht. Ich habe das Gefühl, die­sen „Fall“ ver­stan­den zu haben. Ähn­lich geht es mir mit Arno. Der Schalke-Fan und Ex-Hoo­li­gan win­det sich ziem­lich im Inter­view. Ich lasse aber nicht locker, bis ich seine Welt­sicht eini­ger­ma­ßen begreife. Bei Renate habe ich Mühe, Ver­trauen zu schaf­fen, denn ich möchte ihre Angst vor Chem­trails und Haarp-Appa­ra­ten wirk­lich ver­ste­hen.

Ein paar Monate spä­ter. Ich spre­che mit Jür­gen per Video­chat. Oder war es Jochen? Wir reden fast zwei Stun­den. Die Tech­nik funk­tio­niert rei­bungs­los. Jür­gen – oder Jochen – sitzt bequem zuhause auf der Ter­rasse, oder war es das Wohn­zim­mer? Ich erfahre sehr viel von ihm. Jür­gen (oder Jochen) ist in Gesprächs­laune. Auch gelingt es mir, seine Geschich­ten auf­zu­bre­chen. Ich hake nach, hin­ter­frage, lasse nicht locker, dränge auf Kon­kre­ti­sie­run­gen, setze pro­jek­tive und ima­gi­na­tive Fra­gen ein. Gelernt ist schließ­lich gelernt. Zwi­schen­durch zeich­nen wir seine Vor­stel­lungs­bil­der auf dem White­board, oder Jür­gen (oder Jochen) beschreibt Bil­der, die ich ihm per Bild­schirm­frei­gabe zeige. Jür­gen ver­schwin­det dann jedes Mal in der rech­ten Ecke in einem klei­nen Fens­ter­chen auf mei­nem Bild­schirm.

Nach dem Gespräch habe ich viel Mate­rial und eini­ges ver­stan­den. Das Gespräch war ergie­big, würde man sagen. Zwar habe ich ein Gesamt­bild gewon­nen, es stellt sich aber nicht in glei­chem Maße ein Gefühl von Schlüs­sig­keit ein, wie dies bei Anto­nio, Arno oder Renate der Fall war. Es fehlt etwas, das Leben­dige, Unmit­tel­bare, das, was ein Anto­nio an see­li­schen und kör­per­li­chen Reak­tio­nen bei mir aus­ge­löst und mir ein Gefühl von Evi­denz gege­ben hat.

Was ist das, das dem Online-Inter­view fehlt? Offen­sicht­lich sind doch alle Zuta­ten vor­han­den, um ein Gespräch genauso zu füh­ren, wie dies face-to-face mög­lich ist: Spra­che, Wort­wahl, Into­na­tion, Gesichts­aus­druck, Mimik, Ges­tik (zumin­dest das, was der Bild­aus­schnitt frei­gibt).

Dies wird ver­ständ­lich, wenn man sich klar macht, wie ein psy­cho­lo­gi­sches Tie­fen­in­ter­view (in mei­nem Fall ein tie­fen­psy­cho­lo­gisch-mor­pho­lo­gi­sches) funk­tio­niert. Auch wenn es „Inter­view“ heißt, ist es kei­nes im eigent­li­chen Sinne. Fra­gen zu stel­len und dar­auf Ant­wor­ten zu erhal­ten, ist nur eine Art Fas­sade. Meist stellt der/die Interviewer*in auch keine Fra­gen, son­dern for­dert zur Beschrei­bung und Selbst­re­fle­xion auf: „Wie ist das denn so bei Ihnen mit…?“ In Gruppen‑, Paar- oder Fami­li­en­in­ter­views regt die Mode­ra­tion zum spon­ta­nen Aus­tausch unter­ein­an­der an.

Für die psy­cho­lo­gi­sche Ana­lyse des Inter­views ist es sogar rela­tiv uner­heb­lich, was jemand erzählt. Dar­aus alleine lässt sich noch keine Aus­sage ablei­ten. Dazu muss ich erst wis­sen, warum jemand etwas in die­sem Moment zu mir sagt: Will sich Jür­gen (oder Jochen) selbst in gutem Licht dar­stel­len, mich beein­dru­cken, von etwas ablen­ken, sich selbst etwas klar machen etc.?

So ein „Inter­view“ ist eher eine Art Bühne, die wir den Befrag­ten sorg­sam auf­bauen: Eine Bühne, auf der sich das Thema der Unter­su­chung bewusst und vor allem unbe­wusst insze­nie­ren kann. Eine mit Absicht künst­lich her­ge­stellte Situa­tion, in der sich die rele­van­ten Sinn-Zusam­men­hänge „zwi­schen“ dem Gesag­ten zei­gen. Dies gilt für Ein­zel- wie für Grup­pen­ge­sprä­che. Ein­zelne Teil­neh­mer einer Grup­pen­dis­kus­sion zum Thema Pre­paid-Tarife tun sich schwer, Werbe-Ideen zu ent­wi­ckeln. Die ganze Gruppe legt unter­schwel­lig eine merk­wür­dige rebel­li­sche Wider­bors­tig­keit an den Tag. In die­ser kon­sum- und wer­be­kri­ti­schen Hal­tung und demons­trier­ten Mün­dig­keit (“ich zahle nur, was ich bestellt habe”) insze­niert sich etwas, das uns mehr über die Moti­va­tion ver­rät, einen Pre­paid-Tarif abzu­schlie­ßen, als die Wort­bei­träge, die sich viel­leicht um das Geld-Spa­ren dre­hen.

Damit ein Inter­view als Bühne funk­tio­nie­ren kann, braucht es neben diver­sen Rah­men­be­din­gun­gen und Regeln auch den gemein­sa­men Raum – im über­tra­ge­nen wie im rea­len Sinne: Einen Raum, den Interviewer*innen und Befragte unmit­tel­bar tei­len, in dem sie gemein­sam agie­ren, in dem sich eine Atmo­sphäre ent­wi­ckelt, der sich im Ver­lauf des Gesprächs dyna­misch in sei­ner Bedeu­tung wan­delt, in der Bezie­hun­gen ent­ste­hen, Über­tra­gun­gen statt­fin­den oder ein Thema sich im Reden unter­ein­an­der insze­niert. Gerade das Auf­kom­men von Dyna­mik und der Auf­bau von Bezie­hun­gen ist beson­ders ange­wie­sen auf die fei­nen (unbe­wusst gesen­de­ten wie unbe­wusst emp­fan­ge­nen) Signale, wie dies bei Anto­nio der Fall war. Eine Regel der tie­fen­psy­cho­lo­gi­schen Gesprächs­füh­rung lau­tet: Mache dich selbst – d.h. dein eige­nes Erle­ben – zum Erkennt­nis-Instru­ment (zu unter­schei­den, was daran eigene Anteile sind und was von den Teil­neh­mern kommt, gehört zur Aus­bil­dung und Erfah­rung).

Natür­lich kann auch der Chat-Room ein sol­cher psy­cho­lo­gi­scher Raum sein, eine Bühne. Tie­fen­in­ter­views online funk­tio­nie­ren ja auch, nur eben nicht opti­mal. Der Online-Bühne fehlt trotz aller tech­ni­schen Aus­ge­reift­heit ein Stück die­ser wich­ti­gen Unmit­tel­bar­keit, Atmo­sphäre und Räum­lich­keit. Ich reagiere zwar auch auf Jür­gen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dem ech­ten Jür­gen da drau­ßen damit gerecht werde, dazu feh­len mir ein­fach ein paar Ein­drü­cke. Online-Chat-Pro­gramme wie Zoom, Teams oder Skype wur­den auch nicht für die psy­cho­lo­gi­sche Gesprächs­füh­rung erfun­den, son­dern für das Busi­ness, um Infor­ma­tio­nen bes­ser und per­sön­li­cher aus­tau­schen zu kön­nen. Daher wun­dert es auch nicht, dass sie ein set­ting anbie­ten, das stär­ker auf Gesprächs­in­halte fokus­siert und die Teil­neh­mer eher ermu­tigt, sach­lich und ratio­nal zu blei­ben.

Mein Fazit: Für qua­li­ta­tive Inter­views grund­sätz­lich bie­ten Online-Chats eine gute Alter­na­tive. Ein­zeln noch eher als in Grup­pen­ge­sprä­chen. Sie bie­ten auch noch wei­tere Vor­teile, z.B. Men­schen in räum­lich ent­fern­ten Regio­nen befra­gen. Für echte tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche Gesprä­che und vor allem bei The­men, die ans ‘Ein­ge­machte’ gehen, sind sie zweite Wahl. Schade eigent­lich.

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