Tiefenpsychologie – was meint das eigentlich?

Lese­zeit: 4 Minu­ten

Tie­fen­psy­cho­lo­gie hat wenig mit ver­bor­ge­nen Inhal­ten unter der Ober­flä­che oder Eis­ber­gen zu tun. Um ein­mal mit ein paar Kli­schees aufzuräumen.

Wenn man sagt, man sei Tie­fen­psy­cho­loge, wird man erstaun­lich sel­ten gefragt, was denn das eigent­lich sei. Irgend­wie hat jeder sofort ein Bild. Da geht es um das “Unter­be­wusst­sein”, um irgend­wel­che dunk­len und ver­bor­ge­nen Regio­nen “unter­halb” des ver­nünf­ti­gen Den­kens, die deu­ten­der­weise – wahl­weise auf einer Couch oder mit omi­nö­sen Appa­ra­ten — ans Tages­licht beför­dert wer­den. Es pro­vo­ziert Bil­der von Kel­lern, der Tief­see oder Eis­ber­gen, bei denen der größte Teil unter dem Mee­res­spie­gel liegt. Fun Fact: Ich halte seit ein paar Jah­ren Vor­le­sun­gen zu qua­li­ta­ti­ven Metho­den an einer Busi­ness-Hoch­schule, und das Skript, das ich damals als Vor­lage erhielt, zierte einen sol­chen (und auch noch schlecht frei­ge­stell­ten) Eisberg. 😉

Es lie­ßen sich sicher ganze Abhand­lun­gen dar­über schrei­ben, was Tie­fen­psy­cho­lo­gie nun ist. Erschwe­rend kommt hinzu, dass es unzäh­lige tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche Schu­len und Kon­zepte vom Unbe­wuss­ten gibt. Aber um mit den Kli­schees ein­mal auf­zu­räu­men, reicht es, sich die zen­trale Grund­an­nahme der Tie­fen­psy­cho­lo­gie klar zu machen.

Vorab zunächst ein­mal: Tie­fen­psy­cho­lo­gie hat nicht zwangs­läu­fig etwas mit Psy­cho­the­ra­pie zu tun. Das ist eine von vie­len Anwen­dungs­mög­lich­kei­ten. Wir bei INNCH nut­zen z.B. tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche Kul­tur- und Markt­for­schung als Grund­lage für Ent­wick­lungs- und Krea­ti­ons­pro­zesse. Tie­fen­psy­cho­lo­gie ist dabei erst ein­mal nichts wei­ter als eine bestimmte for­schende Hal­tung. Dabei ist das Wort “Tiefe” sehr unglück­lich und irre­füh­rend, denn Tie­fen­psy­cho­lo­gie hat nichts mit Tiefe oder einem ver­bor­ge­nen see­li­schen Ort zu tun. Eher mit Kon­text und einem Blick für umfas­sende all­tags- und lebens­welt­li­che Zusam­men­hänge (“Kon­text­psy­cho­lo­gie” oder „Brei­ten­psy­cho­lo­gie“ wäre eigent­lich pas­sen­der, klingt aber komisch).

Eigent­lich ist der Tie­fen­psy­cho­loge ein lang­wei­li­ger und schreck­lich ord­nungs­lie­ben­der Typ. Ein ziem­li­cher Spie­ßer, genau­ge­nom­men. Er läuft (sofern er dafür bezahlt wird) for­schend durch die Welt und wit­tert über­all Ord­nung, Sinn, Zweck­mä­ßig­keit, Absicht. Nichts ist für ihn Zufall oder belie­big, alles folgt einer Regel­mä­ßig­keit und einem sinn­vol­len Plan.

Blö­der­weise nur gibt es auf die­ser Welt Vie­les, was auf den ers­ten Blick gar nicht so sinn­voll und zweck­ge­rich­tet ist, da ver­lie­ben sich Men­schen stän­dig in den “Fal­schen‘” da kann man sich seine plötz­li­che Sym­pa­thie oder Anti­pa­thie nicht erklä­ren, wir kau­fen mal wie­der ein Pro­dukt, dass wir eigent­lich gar nicht brau­chen. Das wurmt den ord­nungs- und prin­zi­pi­en­lie­ben­den Tie­fen­psy­cho­lo­gen so sehr, dass er kur­zer­hand ein Kon­strukt erfin­det, damit alles wie­der sinn­voll ist und seine Ord­nung hat: Das Unbe­wusste. Denn nichts ist ihm mehr zuwi­der, als von sei­ner Über­zeu­gung abzu­las­sen, dass alles im Bereich des Ver­hal­tens und Erle­bens Sinn macht, einen Zweck erfüllt, einem absichts­vol­len Mus­ter folgt. Dass ein­fach nichts und wirk­lich rein gar nichts belie­big oder zufäl­lig ist. So ist er eben, der Tie­fen­psy­cho­loge (und natür­lich auch die Tie­fen­psy­cho­lo­gin, denn die­ser Spleen macht vor dem Geschlecht nicht Halt).

Das Unbe­wusste ist damit nichts wei­ter als der an- und hin­zu­ge­nom­mene „feh­lende“ Sinn­zu­sam­men­hang. Ein Zusam­men­hang, der uns manch­mal nur ein­fach nicht klar, nicht bewusst ist, weil wir nicht alle Lebens­er­fah­run­gen und unse­ren gesam­ten Lebens­kon­text stän­dig auf dem Schirm haben. Die­ser Zusam­men­hang ist auch nicht irgendwo “unten”, es sind die Mus­ter, die Pat­terns zwi­schen dem, was ansons­ten alles ganz offen­sicht­lich ist. Manch­mal drin­gen uns diese Zusam­men­hänge aus allen Poren. Sie ste­cken in den Äuße­run­gen und Ein­fäl­len, sie leben in den Geschich­ten, die uns Befragte in Tie­fen­in­ter­views erzäh­len, sie offen­ba­ren sich darin, wie diese Geschich­ten erin­nert und mit wel­chen Wor­ten sie erzählt wer­den, sie zei­gen sich in den Vor­stel­lungs­bil­dern der Men­schen oder ver­ra­ten sich in der zwi­schen­mensch­li­chen Dyna­mik von Gesprächen.

Die „Über­tra­gung“ ist auch nichts ande­res als eine sol­che zwi­schen­mensch­li­che Dyna­mik, die man schon aus dem All­tag kennt. Da steht der Stu­dent „mor­gens“ um 12 Uhr in der Bäcke­rei und kauft Bröt­chen zum Früh­stück und die Ver­käu­fe­rin guckt ihn ver­meint­lich komisch an. Schon hat unser Stu­dent ein unan­ge­neh­mes Gefühl. Was ihm nicht bewusst ist: Er über­trägt ein­fach nur seine (Schuld-) Gefühle, die er von zuhause kennt, wenn er mal wie­der so lange geschla­fen hat und seine Mut­ter ihm Vor­hal­tun­gen gemacht hat, auf die Ver­käu­fe­rin. Der Ver­käu­fe­rin ist das alles ziem­lich egal, sie weiß ver­mut­lich gar nichts von die­ser Über­tra­gung. Durch die Annahme eines sol­chen — weder dem Stu­den­ten noch der Ver­käu­fe­rin bewuss­ten — Zusam­men­hangs aus einem grö­ße­ren Kon­text (der Lebens­ge­schichte des Stu­den­ten), kann der Tie­fen­psy­cho­loge wie­der ruhig schla­fen. Er hat die Ord­nung der Welt geret­tet und kann an sei­ner Welt­sicht fest­hal­ten: Alles macht Sinn.

Sol­che unbe­wuss­ten Zusam­men­hänge kön­nen auch span­nungs­voll oder gar kon­flikt­haft sein, sie sind manch­mal ein­fach und manch­mal kom­plex und viel­schich­tig, sie sind uns mal mehr oder weni­ger ver­füg­bar, sie fol­gen eige­nen psy­cho-logi­schen Regeln, die sich von denen der “logi­schen Ver­nunft” unter­schei­den, sie sind asso­zia­tiv, bild­haft, “kör­per­lich” und oft “schlam­pig” (➔ siehe auch den Bei­trag zum schlam­pi­gen Den­ken). Sinn machen sie aber immer.

Man muss sich natür­lich klar machen: Ein Kon­zept wie „Das Unbe­wusste“ ist ein wis­sen­schaft­li­ches Kon­strukt, und damit erst ein­mal eine Annahme des Psy­cho­lo­gen. Eigent­lich ist sogar uner­heb­lich, ob es das Unbe­wusste wirk­lich gibt oder ob es nur ein Kon­strukt ist. Wich­tig ist – und nur dann darf sich die tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche For­schung wis­sen­schaft­lich nen­nen: Es muss nach­voll­zieh­bar, über­prüf­bar und trans­pa­rent gemacht wer­den, wie diese Sinn­zu­sam­men­hänge rekon­stru­iert wer­den. Andere For­scher – sofern sie mit ver­gleich­ba­ren Metho­den arbei­ten und von der glei­chen Grund­an­nahme (“Alles macht Sinn”) aus­ge­hen – müs­sen zum glei­chen Ergeb­nis kom­men. Im Unter­neh­mens­kon­text muss es sich als nütz­lich erwei­sen, Erle­ben und Ver­hal­ten nicht nur erklä­ren, son­dern Pro­gno­sen und Poten­ti­al­ein­schät­zun­gen mög­lich machen, oder als prak­ti­ka­ble Basis für Krea­ti­ons­pro­zesse taugen. 

Ach so, und es gibt noch so ein Vor­ur­teil, das einem als Tie­fen­psy­cho­loge immer wie­der begeg­net, vor­zugs­weise auf Par­tys: „Oh, du bist Psy­cho­loge, da muss ich aber auf­pas­sen, was ich sage.“ Obacht: Das ist kein Kli­schee, das stimmt!

(ms)

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