Kreativitäts-Mythen 1

Lese­zeit: 3 Minu­ten

Was ist dran am Mythos: Keine Kri­tik im Krea­tiv­pro­zess?

Eine weit ver­brei­tete Regel im Krea­tiv­pro­zess heißt: Man soll bei der Ideen­ent­wick­lung auf kei­nen Fall eine Idee kri­ti­sie­ren. Das behin­dere das krea­tive Den­ken, schüch­tere die Ideenentwickler*innen ein, sodass sie sich nicht mehr trauen, wei­tere Ideen zu nen­nen. 

Stimmt das?

Natür­lich ist da auch etwas Wah­res dran. Wer immer nur für das, was er tut oder sagt, kri­ti­siert wird, wird demo­ti­viert, das Selbst­be­wusst­sein schwin­det und die Lust ver­geht. Das ist sicher eine all­ge­meine Erkennt­nis, die auf viele Situa­tio­nen zutrifft, nicht nur auf krea­tive Ent­wick­lungs­pro­zesse.

Es ist aber auch nicht ganz rich­tig.

Kri­tik ist unver­meid­bar: In der Aus­bil­dung in einem krea­ti­ven Beruf hagelt es mit­un­ter sogar ziem­lich har­sche Kri­tik. An der Kunst­aka­de­mie kann man z.B. erle­ben (real erleb­tes Bei­spiel!), dass ein Pro­fes­sor die Mappe eines Stu­den­ten mit sei­nen neus­ten Wer­ken in eine Ecke wirft mit dem Kom­men­tar „Was soll ich mit dem Sch…“. Die meis­ten Ausbilder*innen sind nicht so cho­le­risch, haben aber auch sel­ten die Feed­back­re­geln ver­in­ner­licht oder gewalt­freie Kom­mu­ni­ka­tion gelernt. 

Auch spä­ter im krea­ti­ven Berufs­le­ben hat man grund­sätz­lich die Situa­tion, dass die Ideen oder Krea­tio­nen von Chef*innen und Kund*innen etc. kri­ti­siert wer­den. Auch wenn Kri­tik immer unan­ge­nehm ist, muss man schlicht damit umge­hen ler­nen, falls man nicht nur für sich allein im stil­len Käm­mer­lein krea­tiv sein möchte.

Kri­tik ist sogar enorm wich­tig: Oft sind die Krea­ti­ven selbst die schärfs­ten Kri­ti­ker ihrer eige­nen Schöp­fun­gen. Andern­falls würde man sich zu früh mit einer schlech­ten Idee oder einem schlech­ten Design zufrie­den geben, sich nicht selbst genug her­aus­for­dern, es noch bes­ser zu machen. Ent­wer­fen besteht zum größ­ten Teil aus Ver­wer­fen. Unzu­frie­den mit dem Ergeb­nis sein, schei­tern und neu anset­zen för­dert die Wei­ter­ent­wick­lung der Qua­li­tät.

Kri­tik ist nicht gleich Kri­tik

Man kann zwei Arten der Kri­tik unter­schei­den: kon­struk­tiv und destruk­tiv. Dabei kommt es weni­ger dar­auf an, ob die Kri­tik nett for­mu­liert ist oder harsch, son­dern dar­auf, ob sie Hand und Fuß hat, man damit etwas anfan­gen kann. 

Kon­struk­tiv: Oft benen­nen die Kri­ti­ker Pro­bleme, die den Ideen­ent­wick­lern selbst schon – zumin­dest als leise Ahnung – auf­ge­fal­len sind, sie diese aber ver­drängt haben, nach dem Motto: wenn es kei­ner merkt, ist das Pro­blem auch nicht da. Eine sol­che Art von Kri­tik erhält man i.d.R. von Men­schen, die selbst im Thema, zu dem Ideen ent­wi­ckelt wer­den, drin sind, und auch selbst ein gro­ßes Inter­esse daran haben, dass die Schöp­fung eine hohe Qua­li­tät erhält. Diese Art von Kri­tik inspi­riert und for­dert auf, sich noch mehr anzu­stren­gen, wei­ter zu den­ken. Es ist also posi­tive Kri­tik, weil sie die Idee wei­ter bringt, bes­ser macht.

Destruk­tiv: Es gibt auch Men­schen, die eigent­lich lie­ber hät­ten, wenn alles so bleibt wie es ist und keine neuen Ideen in die Welt kom­men, die es über­haupt kri­tisch sehen, dass man krea­tiv an Dinge her­an­geht, die viel­leicht sogar Angst vor Ver­än­de­run­gen haben. Diese ver­su­chen – oft unbe­wusst – die Ideen­ent­wick­lung zu behin­dern. Hier fin­det man dann die typi­schen Tot­schlag­ar­gu­mente á la: das hat noch nie geklappt, so haben wir das noch nie gemacht, das will doch kei­ner haben etc. Es ist nega­tive Kri­tik, weil sie den krea­ti­ven Pro­zess bremst oder gar ver­hin­dert.

Wie geht man in Inno­va­ti­ons­pro­zes­sen mit kri­ti­schen Stim­men um?

Die erste Lösung ist nicht immer mög­lich, aber die beste: Man sorgt dafür, dass kein Teil­neh­mer im Ideen­team ein solch grund­sätz­li­cher Kri­ti­ker ist, indem man nur Leute teil­neh­men lässt, die auch Lust dazu haben, etwas Neues zu ent­wi­ckeln, und denen das Pro­dukt oder die Auf­gabe, für die etwas ent­wi­ckelt wer­den soll, am Her­zen liegt. Das geht des­halb nicht immer, weil es oft bestimmte Per­so­nen im Unter­neh­men gibt, z.B. Vor­ge­setzte, die sich nicht neh­men las­sen wol­len, dabei zu sein, die aber eigent­lich das Gesche­hen kon­trol­lie­ren möch­ten.

Als Mode­ra­tion oder Teamleiter*in kann man fol­gen­der­ma­ßen damit umge­hen:

Am Anfang eines Ideen­pro­zes­ses the­ma­ti­siert man offen, dass es zwei Arten von Kri­tik gibt, und dass die eine gut und die andere eher schäd­lich ist. Dann ach­ten alle dar­auf und las­sen sich ggf. von destruk­ti­ver Kri­tik nicht beein­dru­cken.

Kritiker*innen sollte man ernst neh­men, denn hin­ter einem dif­fu­sen Nör­geln könnte sich auch kon­struk­tive Kri­tik ver­ber­gen. Am bes­ten bit­tet man die kri­ti­schen Stim­men, näher zu erläu­tern, wo sie ein Pro­blem sehen, um her­aus­zu­fin­den, ob die Kri­tik viel­leicht berech­tigt ist.

Man plant für alle Fälle ein, das Phä­no­men metho­disch zu lösen, indem man an Teilnehmer*innen quasi offi­zi­ell die Auf­gabe des „Advo­ca­tus Dia­boli“, also des Nörg­lers, ver­gibt. Das ver­an­lasst kri­ti­sche Teilnehmer*innen, ihre Kri­tik kon­struk­ti­ver zu gestal­ten, denn es ist ja jetzt als kon­struk­tive Auf­gabe dekla­riert.

Es kön­nen auch Zeit­fens­ter ein­ge­baut wer­den, in denen Kri­tik unter­sagt ist, alle Teilnehmer*innen eine rote Karte haben, die sie hoch­hal­ten kön­nen, wenn in die­sem Zeit­fens­ter Kri­tik geübt wird oder Ideen „zer“diskutiert wer­den. Andere Zeit­fens­ter wer­den dann als Kri­tik­pha­sen aus­ge­wie­sen, in denen jeder nach Belie­ben Kri­tik üben kann, die Kri­tik notiert wird und danach noch ein­mal einer gemein­sa­men Prü­fung unter­zo­gen wird. Die dritte Phase ist dann: Gemein­sa­mes Lösen von Pro­ble­men, die durch die Kri­tik auf­ge­deckt wurde. Man arbei­tet es also als gemein­same Auf­gabe in den Pro­zess ein.

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