„Genau“ — Kulturpsychologie in Füllwörtern

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Seit etwa einem Jahr hört man an jeder Ecke das Wört­chen „genau“. Sagt uns das etwas über unsere Kul­tur und gesell­schaft­li­che Entwicklung? 

Ist euch schon ein­mal auf­ge­fal­len, wie oft das Wört­chen „genau“ die­ser Tage in unse­rer All­tags­spra­che auf­taucht? Lauscht man Gesprä­chen, Vor­trä­gen oder Dis­kus­sio­nen, kann man fast dar­auf war­ten, dass plötz­lich so ein „genau“ im Raum steht. Wie ein unum­stöß­li­cher Fels rammt sich das „genau“ in den Sprach-Fluss einer belie­bi­gen Konversation.

Gerne genutzt am Satz­ende, um das Gesagte zu bestä­ti­gen und sich quasi selbst zuzu­stim­men, als Pau­sen- und Füll­wort, wenn man dar­über nach­denkt, was man als nächs­tes sagen möchte, oft auch im Dia­log als Ant­wort auf die Aus­füh­run­gen des Gesprächs­part­ners. Immer öfter erwischt man sich auch selbst dabei, wie einem so ein „genau“ raus­rutscht. Genau.

Ist All­tags­spra­che ein Aus­druck gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lun­gen? Auch jen­seits so offen­sicht­li­cher und offen­sicht­lich pola­ri­sie­ren­der Sprach­ver­än­de­run­gen wie das Gen­dern? Gibt es quasi eine Kul­tur­psy­cho­lo­gie in Füll­wör­tern? Gehen wir doch der Ein­fach­heit hal­ber ein­mal davon aus und fra­gen danach, was sich denn da womög­lich zum Aus­druck bringt.

Genau. Das ist erst ein­mal die Bestä­ti­gung dafür, genau zu wis­sen, was rich­tig ist, oder auch, dass die Dinge genau so sind und nicht anders. Im Dia­log viel­leicht auch die Ver­ge­wis­se­rung, in einer gemein­sa­men Welt zu leben — und nicht etwa in unter­schied­li­chen Bub­bles, oder auch die Ver­ge­wis­se­rung eines gemein­sa­men Wahr­neh­mungs- und Bewer­tungs-Kom­pas­ses. Wir haben exakt die glei­chen Koor­di­na­ten, wenn wir auf All­tags- oder auch Welt-Gescheh­nisse schauen.

Die Marotte mit dem „genau“ gibt es seit etwa einem Jahr. Es gab übri­gens auch ein­mal eine Zeit — das muss so in den Nuller­jah­ren gewe­sen sein — als alles „irgend­wie“ war. Wo man “irgend­wie” im Kino war und “irgend­wie” so einen Film gese­hen hat. Da hat­ten Dinge, Gescheh­nisse und Ansich­ten noch Spiel und waren „irgend­wie“ weni­ger festgelegt.

Wir for­schen ja viel zur Kul­tur­ent­wick­lung, und das schon seit vie­len Jah­ren. Typisch für die Gegen­warts­kul­tur war und ist u.a. ihre Viel­falt, die Wahl-Frei­heit und Mul­ti­op­tio­na­li­tät: Die Kul­tur erscheint wie ein gro­ßes Regal vol­ler ver­schie­de­ner Lebens­ent­würfe, Ansich­ten, Akti­vi­tä­ten etc. Jeder kann sich dar­aus nach Belie­ben bedie­nen, nichts und nie­mand schreibt vor, wel­chen Beruf man ergrei­fen soll, mit wem man wie zusam­men­le­ben soll, was man in sei­ner Frei­zeit machen oder wel­che Mei­nun­gen und Ansich­ten man haben sollte. Alles ist gleich-wertig.

Das hat frei­lich eine Kehr­seite: Belie­big­keit. Gleich-wer­tig heißt auch gleich-gül­tig. Auf Sheena Iyen­gar und andere For­scher von der New York Uni­ver­sity gehen die Expe­ri­mente zum Aus­wahl­pa­ra­dox zurück: Kund*innen, die vor einem Regal mit 30 Mar­me­la­den­sor­ten ste­hen, sind weni­ger kauf­freu­dig und nach dem Kauf unzu­frie­de­ner als Kund*innen, die vor einem Regal mit 3 Mar­me­la­den stehen. 

Der infla­tio­näre Gebrauch von „genau“ könnte nun Aus­druck oder Wunsch dafür sein, sich aus der Belie­big­keit lösen zu wol­len und mehr Ori­en­tie­rung in der Viel­falt zu haben. Wir alle grei­fen zur (für uns) rich­ti­gen Mar­me­lade, weil jeder weiß, wel­che die rich­tige Mar­me­lade für einen ist. Genau die und keine andere. Weil nicht alles gleich-gül­tig ist. Mög­li­cher­weise geht damit auch der Wunsch ein­her, die mit der mul­ti­op­tio­na­len Gegen­warts­kul­tur ein­her­ge­hende gesell­schaft­li­che Frag­men­tie­rung zu über­win­den. Nach der „Irgendwie“-Postmoderne kommt die „Genau-Gegen­wart“.

Tie­fen­psy­cho­lo­gisch betrach­tet, schwingt mit sol­chen zur Schau getra­ge­nen state­ments auch immer das (unbe­wusste) Gegen­teil mit. Wenn ich meine Unschuld beson­ders betone, tue ich das viel­leicht gerade des­halb, weil ich Dreck am Ste­cken habe. Dass für mich die Dinge in der Welt eben doch nicht immer so „genau“ sind, wie ich das gerne hätte, dass es doch nicht immer klar ist, wer die Guten und die Bösen sind (auch und gerade ange­sichts kom­ple­xer aktu­el­ler Kri­sen) – das wird viel­leicht an einem ande­ren heute viel benutz­ten Füll­wort deut­lich: „Keine Ahnung“.

„Genau“ heißt eben auch nicht, die Viel­falt und Mul­ti­op­tio­na­li­tät auf­zu­ge­ben, son­dern nur mehr Ori­en­tie­rung darin zu haben bzw. haben zu wol­len, und zu wis­sen bzw. sich selbst zu ver­ge­wis­sern, was das Gute und Rich­tige ist. Dies wird viel­leicht auch an einem ande­ren Trend deut­lich. Hat weni­ger mit Spra­che zu tun, mehr mit Essen: Der Food­trend der „Bowl“. Gemeint ist eine Schüs­sel mit viel­fäl­ti­gen und mög­lichst hoch­wer­ti­gen und far­ben­fro­hen Zuta­ten: Herz­haf­tes, Süßes, Sal­zi­ges, Fruch­ti­ges, Salat, Gemüse, Fleisch, Fisch, Zuta­ten aus ver­schie­de­nen natio­na­len Küchen, nicht ver­mengt, son­dern neben­ein­an­der arran­giert in einer Schüs­sel, jeder, wie er oder sie möchte. Der aus den USA kom­mende Multi-Kulti-in-der-Schüs­sel-Trend zeigt, dass wir Viel­falt durch­aus schät­zen, ihr aber mehr Sys­tem, Sinn oder Aus­rich­tung ver­lei­hen möch­ten: Nur die guten Sachen kom­men ins Töpfchen.

Damit könnte das „genau“ (wie die Bowl) ein Hin­weis dar­auf sein, dass es den Men­schen heute stär­ker dar­auf ankommt, der mul­ti­op­tio­na­len Viel­falt eine Aus­rich­tung zu geben, sich nicht darin zu ver­lie­ren, son­dern sie für uns sinn­voll zu struk­tu­rie­ren. Es würde jeden­falls pas­sen zu unse­ren Jugend­stu­dien (oder wahl­weise GEN Z). Sie nutzt z.B. digi­tale Medien ganz anders als die „Lost Genera­tion“ zwi­schen 30 und 55 Jah­ren: Sie „hän­gen“ zwar genauso viel am Handy, nut­zen es aber „im Grunde genom­men“ geziel­ter, sinn­vol­ler und struk­tu­rier­ter (was im Übri­gen oft zu Miss­ver­ständ­nis­sen der älte­ren Genera­tion in Bezug auf die Jugend führt, wenn Eltern den­ken, dass ihre Kin­der das Inter­net ähn­lich nut­zen wie sie).

Ist also „alles gut“. Genau.

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