Zeitgeist und Design

Lese­zeit: 3 Minu­ten

Das Lebens­ge­fühl einer ver­gan­ge­nen Zeit zeigt sich auch in Gestal­tun­gen, Sti­len und Hand­ha­bun­gen. Kann man auch aus dem aktu­el­len Zeit­geist erfolg­ver­spre­chende Designs ablei­ten?

Wenn man heute sagt „Das ist ja total 80ger“, dann hat man bestimmte Bil­der vor Augen, z.B. Män­ner mit Vokuhila-Fri­sur (vorne kurz, hin­ten lang) und Frauen mit Schul­ter­pols­tern. Man hat bestimmte Sounds im Ohr, z.B. die Neue Deut­sche Welle oder „Shout“ von „Tears for Fears“. Ob man sich für die eige­nen Fotos aus den 80gern (falls man da schon foto­gra­fiert wurde) mehr schä­men muss, als man sich für die Fotos der Eltern aus den 60gern fremd­schämt, kann man schwer ent­schei­den … getoppt wird ohne­hin bei­des von den Tape­ten­mus­tern und Kote­let­ten der 70ger. 

Inter­es­sant ist, dass man auf die Auf­for­de­rung, eine typi­sche Fri­sur, eine typi­sche Woh­nungs­ein­rich­tung oder einen typi­schen Sound der 2010er Jahre zu nen­nen, nur schwer eine Ant­wort fin­det. Es scheint so, als bräuchte es ein paar Jahr­zehnte Zeit, bis man eine klare Vor­stel­lung für die typi­schen sinn­li­chen Aus­prä­gun­gen eines Zeit­geis­tes hat. Der Umstand, dass man selbst ein Kind sei­ner Zeit ist und den aktu­el­len Zeit­geist als „gewöhn­lich und nor­mal“ emp­fin­det, ver­blen­det offen­bar den Blick dar­auf. Macht viel­leicht Sinn, denn sonst müss­ten einem schon heute die aktu­elle Fri­sur und andere Vor­lie­ben pein­lich sein.

Es ist keine Frage, dass der Zeit­geist, das Lebens­ge­fühl und den Umgang mit Wer­ten und Lebens­fra­gen auch Design, Mode, musi­ka­li­sche Vor­lie­ben, Ess­ge­wohn­hei­ten, Wohn­prä­fe­ren­zen etc. beein­flusst. Aber wie das genau zusam­men­hängt, ist ohne Abstand schwer zu bestim­men. Hilf­reich wäre, wenn man aus dem aktu­el­len Zeit­geist schon schlie­ßen könnte, wel­che Pro­dukte und Designs aktu­ell attrak­tiv sein könn­ten – zwecks Inno­va­tio­nen, die sich wie warme Sem­meln ver­kau­fen. Es gibt jedoch immer­hin kluge Unter­su­chun­gen bezüg­lich der Ver­gan­gen­heit, aus denen sich Anre­gun­gen zie­hen las­sen, auf was man ach­ten könnte.

Etwa in den 1920–1950 Jah­ren war in den USA das „Strom­li­ni­en­de­sign“ modern (siehe auch Col­lage oben). Ursprüng­lich war es aus tech­nisch-ergo­no­mi­schen Beweg­grün­den ent­stan­den, um den Luft­wi­der­stand von Fahr­zeu­gen zu ver­rin­gern. In der gestal­te­ri­schen Wir­kung drückte es aber auch das Fort­schritts­stre­ben und die Beschleu­ni­gung des Lebens aus, also ein Lebens­ge­fühl. Die­ser Stil setze sich dann auch für Archi­tek­tur, Möbel und Radi­ode­sign durch, also Pro­duk­ten, bei denen der Luft­wi­der­stand kei­ner­lei Rolle spielt. Hier zeigt sich, wie sich die psy­cho­lo­gi­sche Wir­kung im Design von der ursprüng­lich funk­tio­nal-tech­ni­schen Her­kunft ablöst und zum Sym­bol eines Zeit­geis­tes und Lebens­ge­fühls wird.

Ein ähn­li­ches Bei­spiel ist der Frei­schwin­ger-Stuhl, der zum Wahr­zei­chen des Bau­haus-Designs in Deutsch­land wurde: „Man kann viel­leicht sagen, dass auf die­sem Stuhl nur ein Mensch sich wohl füh­len wird, dem die stän­dige leichte Anspan­nung moder­nen Lebens (…) zum unent­behr­li­chen Bestand­teil sei­nes Lebens­ge­fühls gewor­den ist“, schrieb Alex­an­der Schwab 1930 im „Buch vom Bauen“ zum Frei­schwin­ger.

Auch grund­le­gende Erfin­dun­gen las­sen sich mit dem Zeit­geist ver­bin­den. Die erste Foto­ka­mera – Camera Obscura – war bereits seit 50 Jah­ren erfun­den, bevor die Ent­wick­lung zur moder­nen Kamera Schub­kraft auf­nahm. Grund war das auf­stre­bende Bür­ger­tum, das es dem Adel gleich tun wollte. Ein Maler, der das Fami­li­en­ober­haupt oder die gesamte Fami­lie stil­voll in einem Gemälde in Szene setzt, war zu teuer. Die Erfin­dung der Foto­ka­mera als güns­tige Alter­na­tive kam gerade recht.

Wie kann man den sinn­li­chen Aus­prä­gun­gen für aktu­elle Strö­mun­gen auf die Spur kom­men?

Basis: Kul­tur­for­schung

Um die sinn­li­chen Aus­prä­gun­gen im Zusam­men­hang zu ver­ste­hen, ist psy­cho­lo­gi­sche Kul­tur­for­schung als Basis hilf­reich: Was bewegt heute die Men­schen, wel­che aktu­el­len Ereig­nisse haben sie aus wel­chen Grün­den beson­ders bewegt. Was ängs­tigt sie, gibt ihnen Hoff­nung, wel­che Visio­nen sind en vouge?

Arte­fakt­for­schung

Wel­che Dinge sind heute wich­tig, wel­che nicht? Was wird z.B. heut­zu­tage gesam­melt? Vor­han­dene Designs, die sich heute gro­ßer Beliebt­heit erfreuen, kön­nen zei­gen, wie der Zeit­geist, Hoff­nun­gen, Visio­nen, Ängste aus­se­hen oder sich als Sound anhö­ren. Auch die Art der Hand­ha­bung von Din­gen — leicht, kraft­voll, schnell, lang­sam — und heute typi­sche Bewe­gungs­ar­ten, z.B. beliebte Sport­ar­ten, geben Auf­schluss, sowie typi­sche Gewohn­hei­ten. 

Arbei­ten mit sinn­li­chem Den­ken

Das heute bevor­zugte „Tape­ten­mus­ter“ lässt sich auf­spü­ren, wenn man sich die sinn­li­chen Vor­stel­lun­gen von Men­schen beschrei­ben lässt und kon­kret skiz­ziert oder model­liert. Ebenso sollte man Fotos, Skiz­zen oder Videos von Din­gen und Bewe­gungs­ab­läufe erstel­len, um aus den Skiz­zen typi­sche Mus­ter zu erken­nen — sozu­sa­gen Kul­tur­pro­ben ent­neh­men.

Frem­der Blick

Wie würde man das Heute sehen, wenn man sich ima­gi­na­tiv in das Jahr 2040 ver­setzt? Auch wenn der expe­ri­men­tell fremde Blick auf die Gegen­wart aus der Zukunft schwie­rig ist, kann er den­noch sehr erhel­lend sein. Alter­na­tiv hilft die Vor­stel­lung, man sei Gegen­warts-Archäo­loge, Eth­no­loge oder ein Außer­ir­di­scher, der eine fremde Kul­tur betrach­tet.

So erhält man nicht nur Erkennt­nisse zur psy­cho­lo­gi­schen Befind­lich­keit der Kul­tur, son­dern auch kon­krete Ein­sich­ten dar­über, wie die sinn­li­chen Aus­prä­gun­gen gestal­tet sind, also wel­che Form, wel­che Farbe etc. der heu­tige Zeit­geist hat.

Share Post :

weitere Beiträge