Psychologische Zukunfts-Szenarien

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Ein Blick in die Glas­ku­gel ist nicht mög­lich. Aber es gibt Metho­den, die Pla­nungs­si­cher­heit und Inspi­ra­tion lie­fern kön­nen. Ein kri­ti­scher Ver­gleich der Pro­gnose-Metho­den.

Sel­ten war die Unsi­cher­heit über die Zukunft grö­ßer als heute (zumin­dest was die letz­ten Deka­den angeht). Kaum jemand, der sich nicht Fra­gen stellt wie: Gibt es in ein paar Wochen einen neuen Lock­down? Sollte ich bes­ser Toi­let­ten­pa­pier kau­fen? Was bringt uns 2021? Wird es dann einen Impf­stoff geben? Wie sieht die Welt in den nächs­ten Jah­ren aus? Wie ent­wi­ckelt sich meine Bran­che, wie der Markt, wel­che neuen Risi­ken kom­men auf mich zu? Wie wer­den meine Kun­den den­ken und han­deln? Muss ich meine Stra­te­gien ändern und wenn ja, wie und wann?

Doch Pro­gno­sen sind schwie­rig, wie ein Blick auf die ver­schie­de­nen wis­sen­schaft­lich fun­dier­ten Pro­gnose-Ansätze zeigt.

Zukunfts­for­schung
Die Zukunfts­for­schung oder Futu­ro­lo­gie unter­sucht mit­hilfe quan­ti­ta­ti­ver und qua­li­ta­ti­ver Metho­den und (Computer-)Simulationen zukünf­tige Ent­wick­lun­gen in Tech­nik, Wirt­schaft oder Gesell­schaft. Die Erfolge sind mäßig, wie retro­spek­tive Betrach­tun­gen erge­ben. Ein Bei­spiel: Von den in den 1960er Jah­ren vom Hud­son Insti­tute ver­öf­fent­lich­ten Vor­aus­sa­gen für das Jahr 2000 („Ihr wer­det es erle­ben – Vor­aus­sa­gen der Wis­sen­schaft bis zum Jahre 2000“) tra­ten nur etwa die Hälfte ein. Die Wahr­schein­lich­keits­ein­schät­zung erwies sich als wenig zuver­läs­sig. Inter­es­sant am Ver­gleich der Vor­aus­sa­gen und der tat­säch­lich ein­ge­tre­te­nen Ent­wick­lun­gen war, dass wün­schens­werte Ereig­nisse ten­den­zi­ell häu­fi­ger ein­tra­ten. Ein ähn­li­ches Bild ergibt sich auch bei den Pro­gno­sen des Club of Rome 1972. Dass die meis­ten der düs­te­ren Vor­her­sa­gen nicht im pro­gnos­ti­zier­ten Aus­maß Wirk­lich­keit wur­den, wird dar­auf zurück­ge­führt, dass die War­nung erfolg­reich war und zum Umden­ken führte. Die Vor­aus­sa­gen beein­fluss­ten offen­bar die Zukunft.

Trend­for­schung
Die Trend­for­schung ist gewis­ser­ma­ßen die kleine Schwes­ter der Zukunfts­for­schung. Sie unter­sucht aktu­elle Ent­wick­lun­gen und macht Vor­aus­sa­gen allen­falls für kurz- bis mit­tel­fris­tige Zeit­räume: Was zeigt sich aktu­ell und wird ver­mut­lich auch in naher Zukunft noch gül­tig sein? Ein Groß­teil der Markt­for­schung ist Quasi-Trend­for­schung, wer­den ihre Ergeb­nisse ohne­hin meist erst ein oder zwei Jahre spä­ter umge­setzt, z.B. bei der Ent­wick­lung von Inno­va­tio­nen, die dann auch ein paar Jahre erfolg­reich sein sol­len. In Zei­ten wie der aktu­el­len Corona-Krise kommt aber auch die Trend­for­schung an ihre Gren­zen. Zudem geht sie auch nur unhin­ter­fragt davon aus, dass sich aktu­elle Trends auch fort­set­zen und unter­sucht nicht sys­te­ma­tisch zukünf­tige Ent­wick­lun­gen.

Del­phi-Methode
Bei der Del­phi-Methode wer­den Exper­ten über ihre Ein­schät­zung zukünf­ti­ger Ent­wick­lun­gen befragt. In der Regel wird dies mehr­stu­fig und mit­hilfe eines Fra­gen- und The­men­ka­ta­logs durch­ge­führt. Auch diese Methode erzeugt mehr Fehl­pro­gno­sen und bie­tet keine ver­läss­li­che Grund­lage für stra­te­gi­sche Unter­neh­mens­ent­schei­dun­gen. Exper­ten kön­nen auch nicht wirk­lich in die Zukunft bli­cken.

Dass all diese Metho­den wenig ver­läss­li­che Pro­gno­sen lie­fern, ist nicht wei­ter ver­wun­der­lich. In kom­ple­xen, wech­sel­wir­ken­den Sys­te­men ist dies prin­zi­pi­ell nicht mög­lich. Ein Trend kann sich fort­set­zen, beschleu­ni­gen, abschwä­chen und durch ganz andere Ent­wick­lun­gen abge­löst wer­den. Eine „Wild Card“ – ein uner­war­te­tes Ereig­nis – wirft ohne­hin alles über den Hau­fen. Corona ist solch eine Wild Card.

Sze­na­rio­tech­nik
Ein­zig die Sze­na­rio­tech­nik schnei­det gut ab. Streng genom­men ist sie jedoch keine Pro­gnose-Methode. Sie sagt nichts vor­aus, son­dern ent­wi­ckelt alter­na­tive „Zukünfte“ auf Basis der Ist-Situa­tion. Sie sam­melt und struk­tu­riert Ein­fluss­fak­to­ren – in der Regel für einen klar defi­nier­ten Bereich – und beschreibt ihre mög­li­chen Ver­net­zun­gen, Aus­wir­kun­gen und Mög­lich­kei­ten ihrer gegen­sei­ti­gen Beein­flus­sung. Aus die­ser sys­te­ma­ti­schen Ana­lyse ent­ste­hen meist meh­rere und häu­fig sehr unter­schied­li­che Zukunfts-Sze­na­rien.

Sinn und Zweck der Sze­na­rio­tech­nik ist auch nicht die Vor­her­sage der Zukunft. Sie soll viel­mehr eine bes­sere Pla­nungs­si­cher­heit geben, dabei hel­fen, sich in der Kom­ple­xi­tät bes­ser zurecht­zu­fin­den. So hatte Shell bereits in den 1970er Jah­ren eine plötz­li­che Ange­bots­dros­se­lung am Roh­öl­markt mit­tels Sze­na­rio­tech­nik durch­ge­spielt und hatte daher bereits mög­li­che Lösun­gen für die Ölkrise in der Schub­lade. Am Ende hatte der Kon­zern bes­sere Bilan­zen als die Kon­kur­renz.

Psy­cho­lo­gi­sche Sze­na­rien
Psy­cho­lo­gi­sche Sze­na­rien sind eine Anwen­dung der klas­si­schen Sze­na­rio­tech­nik auf den Con­su­mer-Bereich. Wir erstel­len sol­che Sze­na­rien – meist im Anschluss an eine Grund­la­gen- und Trend­stu­die – im Rah­men des „Future Guide“. Neben den äuße­ren Ein­fluss­fak­to­ren wer­den aus­drück­lich psy­cho­lo­gi­sche Fak­to­ren berück­sich­tigt. Sol­che Fak­to­ren bie­ten inter­es­san­ter­weise eine gewisse Kon­stante in der Glei­chung mit vie­len Unbe­kann­ten, denn an den mensch­li­chen Bedürf­nis­sen hat sich auf einer grund­le­gen­den Ebene über die Jahr­tau­sende nichts Wesent­li­ches ver­än­dert. Auch heute kön­nen wir in Shake­speares Wer­ken die psy­cho­lo­gi­sche Dra­ma­tur­gie von Liebe, Ver­rat, Macht oder Neid noch nach­emp­fin­den, so als wäre sie heute ver­fasst wor­den.

Es lässt sich natür­lich nicht vor­aus­sa­gen, was in 5 oder 10 Jah­ren Mode ist oder wel­che Pro­dukte Men­schen begeis­tern. Was Men­schen aber grund­sätz­lich an Pro­duk­ten, Mar­ken oder Bot­schaf­ten berührt, ängs­tigt, fas­zi­niert oder auf­regt, schon. Dies hilft – trotz aller nicht vor­her­seh­ba­ren exter­nen Fak­to­ren – dabei, Sze­na­rien mit zumin­dest gro­ben Ein­tritts-Wahr­schein­lich­kei­ten zu beschrei­ben.

Aber Vor­sicht: Hier ist es nicht ziel­füh­rend, Konsument*innen ein­fach nach ihren Bedürf­nis­sen oder Wün­schen zu fra­gen. Die meis­ten Men­schen kön­nen sich nicht ein­fach so vor­stel­len – und damit „wün­schen“ – was in Zukunft mög­lich sein wird. Jeder kennt den berühm­ten, Henry Ford zuge­schrie­ben Satz: “Wenn ich die Men­schen gefragt hätte, was sie wol­len, hät­ten sie gesagt: schnel­lere Pferde”. Dies erfor­dert eine gründ­li­che psy­cho­lo­gi­sche Ana­lyse, das Frei­le­gen der ur-mensch­li­chen Ebene „hin­ter“ den aktu­el­len Wün­schen. Dabei müs­sen auch Fak­to­ren wie Träg­heit, Bequem­lich­keit und soziale Erwünschtheit abge­zo­gen wer­den. Für die Sze­na­rien wer­den diese dann wie­der auf den kon­kre­ten und all­tags­na­hen Bereich über­setzt.

Sol­che psy­cho­lo­gi­schen Sze­na­rien haben neben der Erhö­hung der Pla­nungs­si­cher­heit auch noch einen wei­te­ren Vor­teil: Sie sind Inspi­ra­tion für eine Zukunft, die wir erst erschaf­fen, ähn­lich wie es Sci­ence-Fic­tion seit Jahr­zehn­ten gelingt. Die psy­cho­lo­gi­schen Sze­na­rien, die wir im Kun­den­auf­trag als „Future Guide“ ent­wi­ckelt haben, erwie­sen sich oft als gute Grund­lage für die Ideen- und Inno­va­ti­ons­ent­wick­lung.

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